Sarah Rowell ist eine Legende des britischen Berglaufs. Die Engländerin hielt jahrelang den Streckenrekord beim London Marathon der Frauen, bevor sie sich ganz dem Berglauf widmete und dort zur dominierenden Kraft wurde. Als ehemalige Weltrekordinhaberin im Berglauf und langjährige Funktionärin im britischen Leichtathletikverband bringt sie eine einzigartige Perspektive auf die Entwicklung des Sports mit. Im Interview spricht sie über die Vereinigung der Disziplinen bei der WMTRC 2023, die Bedeutung des Frauensports und die Qualität der WM-Strecken in den Tiroler Alpen.
Die Debatte um die Trennung oder Zusammengehörigkeit von Berglauf und Trailrunning kennt Rowell aus erster Hand. Sie hat beide Disziplinen aktiv betrieben und war an der sportpolitischen Diskussion beteiligt.
„Berglaufen und Trailrunning sind für mich eine Disziplin. Ich habe nie verstanden, warum wir künstliche Grenzen zwischen diesen Sportarten ziehen. Wenn ich in den Yorkshire Dales laufe, ist das Berglauf oder Trailrunning? Beides. Die Landschaft macht keinen Unterschied, die Beine machen keinen Unterschied. Nur die Bürokratie hat diese Trennung geschaffen."
Rowell sieht in der Geschichte des Berglaufs zahlreiche Belege für ihre These. Die britische Fell-Running-Tradition, in der sie selbst groß geworden ist, kannte nie eine strikte Trennung zwischen kurzen Bergauf-Sprints und längeren Geländeläufen.
Als Pionierin des Frauen-Berglaufs hat Rowell die enormen Veränderungen der letzten Jahrzehnte hautnah miterlebt. Sie erinnert sich an Zeiten, in denen Frauen bei Bergläufen schlicht nicht willkommen waren.
„Als ich in den 1980er Jahren anfing, ernsthaft Bergläufe zu bestreiten, war ich oft die einzige Frau im Feld. Es gab keine Frauenwertung, keine eigene Startgruppe, manchmal nicht einmal eine Umkleidekabine. Man wurde belächelt oder bestenfalls toleriert. Dass wir heute eine gemeinsame Weltmeisterschaft mit voller Gleichberechtigung der Geschlechter haben, ist ein riesiger Fortschritt."
Die WMTRC 2023 in Innsbruck-Stubai setzt in dieser Hinsicht Maßstäbe. Die Starterlisten zeigen nahezu ausgeglichene Teilnehmerzahlen bei Frauen und Männern in allen Disziplinen — ein Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit von Pionierinnen wie Rowell.
Rowell hat die WM-Strecken im Vorfeld der Meisterschaft besichtigt und zeigt sich beeindruckt von der Qualität des Streckendesigns.
„Die Strecken hier in Innsbruck-Stubai sind fantastisch. Sie haben genau die richtige Balance zwischen technischer Herausforderung und Laufbarkeit. Die Berglauf-Strecke erinnert mich an die besten Fell Races in Großbritannien — steil, direkt, kompromisslos. Aber die Landschaft ist natürlich eine andere Liga. Die Tiroler Alpen bieten eine Kulisse, die man als Athletin nie vergisst."
Besonders hebt sie hervor, dass die Streckenplaner auf natürliche Wege gesetzt haben statt auf Forststraßen oder künstlich angelegte Trails. Das entspreche dem Geist des traditionellen Berglaufs, bei dem es darum gehe, die Berge so zu erleben, wie sie sind.
Rowells Karriere begann auf der Straße. Ihr zweiter Platz beim London Marathon 1985 mit einer Zeit von 2:28:06 war damals britischer Rekord. Doch die Berge übten eine stärkere Anziehungskraft aus.
„Der Marathon war eine großartige Erfahrung, aber er hat mich nicht erfüllt. Die Berge waren immer meine wahre Leidenschaft. Im Berglauf geht es nicht nur um Schnelligkeit — es geht um Geschicklichkeit, Mut, Navigation, Wetterfestigkeit. Man muss den ganzen Menschen einsetzen, nicht nur die Beine. Das hat mich fasziniert und lässt mich bis heute nicht los."
Diese Vielseitigkeit, die Rowell beschreibt, ist genau das, was die WMTRC 2023 auszeichnet. Die verschiedenen Disziplinen fordern unterschiedliche Fähigkeiten, und die besten Athletinnen und Athleten sind jene, die all diese Facetten beherrschen.
Als Mentorin und Verbandsfunktionärin liegt Rowell die Förderung junger Talente besonders am Herzen. Sie hat klare Vorstellungen davon, was junge Bergläuferinnen brauchen, um erfolgreich zu sein.
„Mein wichtigster Rat an junge Athletinnen: Lauft in den Bergen, so oft ihr könnt. Nicht auf dem Laufband, nicht auf der Tartanbahn — in den Bergen. Lernt das Gelände zu lesen, lernt mit den Elementen umzugehen. Und lasst euch von niemandem sagen, dass Berglauf für Frauen zu gefährlich oder zu hart ist. Wir haben bewiesen, dass das Unsinn ist."
Rowell betont auch die Bedeutung von Vorbildern. Dass bei der WMTRC 2023 zahlreiche erfahrene Berglauf-Veteraninnen als Mentorinnen für jüngere Athletinnen fungieren, begrüßt sie ausdrücklich.
Mit ihrer umfassenden internationalen Erfahrung kann Rowell die Strecken in Innsbruck-Stubai in einen globalen Kontext einordnen. Sie hat an Berglauf-Weltmeisterschaften auf vier Kontinenten teilgenommen.
„Ich würde die Strecken hier zu den Top 3 aller WM-Kurse zählen, die ich je gesehen habe. Die Kombination aus alpiner Höhe, technischem Terrain und der Tatsache, dass Zuschauer die Athleten an mehreren Stellen der Strecke anfeuern können, ist selten. In vielen Berglauf-WMs läuft man stundenlang alleine durch die Wildnis. Hier in Tirol hat man das Gefühl, die ganze Region feiert den Sport mit."
Dieser Aspekt der Zuschauerfreundlichkeit ist ein bewusster Designentscheid der Organisatoren. Die Strecken führen mehrfach durch Ortschaften und an gut erreichbaren Aussichtspunkten vorbei, was das Erlebnis für Athleten und Fans gleichermaßen bereichert.
Zum Abschluss des Gesprächs richtet Rowell ihren Blick nach vorne. Sie sieht die WMTRC 2023 als Wendepunkt für den Frauenberglauf.
„Was mich am meisten freut, ist die Tiefe der Felder. Vor zwanzig Jahren gab es bei einer Berglauf-WM vielleicht zwanzig konkurrenzfähige Frauen. Heute sind es hundert. Und sie kommen aus allen Ecken der Welt. Das ist der wahre Fortschritt — nicht nur die Spitze, sondern die Breite. Wenn ich die jungen Frauen hier in Innsbruck-Stubai laufen sehe, weiß ich, dass sich der Kampf gelohnt hat."
Sarah Rowell ist eine britische Berglauf-Pionierin und ehemalige Weltrekordinhaberin. Sie hielt den britischen Frauenrekord im London Marathon (2:28:06, 1985) und wurde danach eine der erfolgreichsten Bergläuferinnen Großbritanniens. Als Funktionärin im britischen Leichtathletikverband setzte sie sich jahrelang für die Gleichberechtigung im Bergsport ein.
Rowell argumentiert aus ihrer Erfahrung im britischen Fell Running, das nie eine strikte Trennung zwischen Berglauf und Trailrunning kannte. Die Unterscheidung sei eine bürokratische Konstruktion, da die sportliche Anforderung — Laufen in bergigem Gelände — dieselbe sei. Die Landschaft und der Körper machen keinen Unterschied zwischen den Disziplinen.
Die Entwicklung war enorm. In den 1980er Jahren waren Frauen bei Bergläufen oft die einzigen weiblichen Teilnehmerinnen, ohne eigene Wertung oder Infrastruktur. Heute nehmen bei der WMTRC 2023 nahezu gleich viele Frauen wie Männer teil, mit voller Gleichberechtigung in allen Disziplinen und über hundert konkurrenzfähigen Athletinnen auf Weltklasseniveau.
Rowell zählt die Strecken zu den Top 3 aller WM-Kurse, die sie je erlebt hat. Sie lobt die Balance zwischen technischer Herausforderung und Laufbarkeit, die Nutzung natürlicher Wege statt Forststraßen, die spektakuläre alpine Kulisse und die hervorragende Zuschauerfreundlichkeit durch mehrere Durchlaufpunkte in Ortschaften.
Ihr wichtigster Rat ist, so oft wie möglich in echtem Berggelände zu trainieren statt auf dem Laufband oder der Tartanbahn. Junge Athletinnen sollen lernen, das Gelände zu lesen und mit den Elementen umzugehen. Außerdem betont sie, sich von niemandem einreden zu lassen, dass Berglauf für Frauen zu hart oder gefährlich sei.
Fell Running ist die traditionelle britische Form des Berglaufs, die hauptsächlich in Nordengland, Schottland und Wales praktiziert wird. Anders als beim klassischen Berglauf gibt es beim Fell Running oft keine markierten Strecken — die Läufer müssen selbst navigieren. Es umfasst sowohl kurze Bergauf-Sprints als auch lange Geländeläufe und kennt keine strikte Disziplintrennung.